Simon Beckett: Obsession ++

Mit “Die Chemie des Todes” hat Simon Beckett einen internationalen Bestseller geschrieben. Auch die nachfolgenden Bücher um den forensischen Antropologen David Hunt stürmten die Bestsellerlisten. Eine solche Gelegenheit wird von Verlagen gerne genutzt, um auch ältere Werke des Autors an den Mann zu bringen. Denn nur so lässt es sich erklären, dass „Obsession“ kürzlich unter dem Etikett Thriller veröffentlicht wurde. Familiendrama oder Tragödie würden es weitaus besser treffen, denn die Thrillerelemente sind in diesem Roman rar gesät.

Der Fotograf Ben ist nach dem überraschenden und plötzlichen Tod seiner Frau Sarah am Boden zerstört. Auch die Verantwortung für Sarahs autistischen Sohn Jacob lastet schwer auf seinen Schultern. Als er dann auch noch die Entdeckung macht, dass Jacob als Baby von Sarah entführt wurde und nicht ihr leibliches Kind war, gerät seine Welt vollends aus den Fugen. Er macht den leiblichen Vater von Jacob ausfindig und informiert die Behörden. Jacob lebt nach der Untersuchung des Falls fortan bei seinem Vater John, der Ben jeglichen Umgang mit dem Jungen verbietet. Doch Ben erkennt, wie viel ihm Jacob bedeutet und beginnt, um ihn zu kämpfen – mit einer Verbissenheit, die an der Grenze der Besessenheit liegt. Doch auch Jacobs leiblicher Vater ist bereit, seinen Sohn mit allen Mitteln für sich zu behalten.

Der Originaltitel „Owning Jacob“ bringt viel besser als der deutsche Titel zum Ausdruck, worum es in diesem Buch geht. Wer darf Jacob besitzen? Sowohl Ben als auch John kämpfen mit harten Bandagen und gehen dabei zu weit, wenn auch auf gänzlich verschiedene Arten.

Die Story bietet sicherlich einiges an Potenzial. Doch durch die eindimensionale Ausarbeitung der Charaktere geht der mögliche Tiefgang verloren: Ben ist ohne Zweifel der „Gute“ in dieser Geschichte: zwar ist er nach dem Tod seiner Frau etwas aus der Bahn geworfen und versucht, sich der Verpflichtung gegenüber Jacob zu entziehen, aber schnell beginnt er zu kämpfen. Sarah, die Entführerin, die Person, die am meisten Schuld an der Tragödie trifft, ist tot und kann nicht zur Verantwortung gezogen werden. Da bleibt als Bösewicht nur John: unberechenbar und gewaltbereit, scheinbar schon vor der Geburt seines Sohnes aus der Bahn geworfen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Sarah letztendlich mit der Entführung unwissentlich eine gute Tat vollbracht hat. Jacob selbst bleibt in diesem Konflikt farblos, der Leser erfährt nicht, was das Tauziehen um seine Person mit ihm anrichtet. Das lässt sich mit dem Autismus gut begründen, sorgt aber für eine Verflachung der Geschichte. Schade, so wird aus einem interessanten Ansatz ein über weite Strecken langweiliger und bemüht wirkender Möchtegern-Thriller.

Stieg Larsson: Vergebung ++++

Cover Lisbeth Salander steht unter Mordverdacht und ist zudem schwer verletzt: eine Kugel steckt in ihrem Kopf! Mikael Blomkvist ist von ihrer Unschuld überzeugt und sucht nach Beweisen. Dabei legt er sich mit mächtigen Personen an und kommt einem gut gehüteten Geheimnis auf die Spur.

Eins ist auf jeden Fall klar: wenn man einen Krimi von Stieg Larsson in die Hand nimmt, sollte man besser nichts weiter vorhaben. Man kann das Buch nämlich nicht mehr aus der Hand legen, wenn man erst einmal angefangen hat. Dies gilt für “Vergebung” genauso wie für die beiden Vorgänger “Verblendung” und “Verdammnis”. Von der ersten bis zur letzten Seite schafft der Autor es, eine ungemeine Spannung aufzubauen, gibt der Geschichte neue Wendungen oder neue Perspektiven. Obwohl der Leser die Handlung aus allen Blickwinkel geschildert bekommt und so im Gegensatz zu den handelnden Personen meist den (fast) kompletten Überblick hat, fragt man sich doch die meiste Zeit, wie sich letztendlich alles auflösen kann.

Dennoch gibt es meiner Meinung nach Abstriche. Zunächst einmal muss dem Leser klar sein, dass die drei Bücher aufeinander aufbauen. Es empfiehlt sich auf gar keinen Fall, mit “Vergebung” in das Werk des Autors einzusteigen. Es werden zwar die wichtigsten vorangegangenen Geschehnisse im Laufe der Handlung zusammen gefasst (was auch sehr hilfreich ist, wenn die Lektüre des vorangeganenen Bands schon ein wenig zurück liegt), aber meiner Einschätzung nach ist das zu wenig, um die Zusammenhänge zu verstehen. Außerdem entgeht einem eine Menge Lesespaß, wenn man auf die Vorgänger verzichtet.

Was mich bei allen drei Büchern sehr gestört hat, ist das übermäßige “Product Placement”. Ständig wird über Hotmail-Adressen kommuniziert, das Handy Ericsson T100 oder der Palm Modell XY (das richtige Modell habe ich schon wieder vergessen) benutzt usw. Meiner Meinung nach ist das etwas zu viel des Guten.

Hoch anrechnen muss man dem Autor aber, dass er versucht hat, komplexe Themen aus der Computer- und Hackerwelt halbwegs realistisch darzustellen. Sicher gab es auch hier die eine oder andere Vereinfachung und dichterische Freiheit, aber im Gegensatz zu manch anderem Thriller habe ich daran wenig auszusetzen, denn in der Summe liegt alles nah bei der Wirklichkeit und mir sind keine groben Fehler aufgefallen.

Fazit: Ein toller, spannender Thriller für unterhaltsame Stunden, der zu Recht von vielen Seiten gelobt wird. Schade, dass der Autor so früh gestorben ist und wir nichts weiteres von ihm lesen werden.

Leena Lehtolainen: Du dachtest, Du hättest vergessen ++++

CoverDie finnische Autorin Leena Lehtolainen ist in Deutschland in erster Linie durch ihre Krimireihe um die Ermittlerin Mario Kallio bekannt. Doch mit “Du dachtest, Du hättest vergessen” hat sie ein ganz anderes Terrain betreten, herausgekommen ist ein Roman, der zwar einige Krimi-Elemente enthält, in erster Linie sich aber mit einer kaputten Familie und ihrer Geschichte beschäftigt. Dabei wird aber mindestens ebenso viel Spannung aufgebaut wie in jedem ihrer Krimis. Doch worum geht es: Katjas Familie trifft sich zur Beerdigung der Großmutter. Dabei kommt das Gespräch auf ein Tabuthema – vor knapp 25 Jahren erschlug Katjas Onkel Rane, der Bruder ihrer Mutter Sirkka, den Großvater, wurde dafür verurteilt und nahm sich im Gefängnis das Leben. Katja und ihr jüngerer Bruder Kaitsu waren damals noch Kleinkinder und haben kaum eine Erinnerung an das Geschehen. Katja hat das Gefühl, dass damals nicht die komplette Wahrheit ans Licht kam, und sowohl ihre Mutter, als auch deren noch lebende Geschwister Sara und Veikko sind nicht bereit, ihr Antworten auf ihre Fragen zu geben. Katja beschließt, den Mord restlos aufzuklären.

Die Geschichte wird wechselseitig aus der Sicht der handelnden Personen erzählt, mit einer elegant gebauten Satzkontruktion wird jedesmal der “Staffelstab” an die nächste Person weitergereicht. Der Leser lernt nach und nach die Schwächen und Lebenslügen jedes einzelnen kennen, angefangen von der unter Prüfungsangst leidenden Katja, die nach einer überstandenen Essstörung noch immer Alkoholprobleme hat und sich scheut, ihr Leben in den Griff zu bekommen, über die scheinbar immer toughe Sirkka, die alles alleine meistern kann, den Lebemann Kaitsu, den beziehungsscheuen, aber recht erfolgreichen Schrifftsteller Veikko bis hin zur ich-bezogenen Sara, die von einem Esoterik-Trip zum nächsten springt und die Schuld für Probleme immer nur bei allen anderen sucht. Dabei gelingt es Lehtolainen, ein schonungsloses Porträt einer Familie zu zeichnen, in der schon lange nichts mehr wirklich stimmt. Nach und nach muss sich jeder einzelne seinem Leben stellen.

Das Ende ist vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen, aber bis dahin war “Du dachtest, Du hättest vergessen” eine faszinierende Lektüre, die besonders durch ihre ungewöhnliche Erzählweise und die differenziert gezeichneten Charaktere beeindrucken konnte.

Fazit: Dieses Buch mag eine Enttäuschung für Mario-Kallio-Fans sein, die einen Krimi in diesem Stil erwarten, aber es ist ein absolut empfehlenswerte, spannende Familienstudie mit Krimi-Elementen.

Paul Auster: Die Brooklyn Revue +++++

Nathan Glass ist Ende 50, frühpensionierter Versicherungsvertreter, hat gerade eine Krebstherapie hinter sich und seine Ehe wurde vor Kurzem geschieden. Er zieht nach Brooklyn, dorthin, wo er geboren wurde und ist überzeugt davon, dass er dort bald sterben wird. Er hat keine Erwartungen mehr an das Leben und gibt sich einem einförmigen Alltag hin, der aus dem Aufschreiben “Menschlicher Torheiten” und Mittagessen im Restaurant besteht. Doch das Leben hat anderes mit ihm vor: überraschend trifft Nathan seinen Neffen Tom wieder, zu dem er schon lange keinen Kontakt mehr hatte. Er lernt dessen Arbeitgeber Harry kennen und die drei schmieden schon bald mehr oder weniger verrückte Zukunftspläne. Schließlich taucht auch noch Lucy, die kleine Tochter von Toms Schwester Aurora, auf. Aurora ist seit ihrer Hochzeit verschwunden, weder Tom noch Nathan wissen, wo sie steckt. Auch Lucy sagt keinen Ton darüber, macht aber deutlich, dass sie bei Tom und Nathan bleiben möchte. Und so wird nichts aus dem langweiligen Lebensabend, den Nathan geplant hat, statt dessen stehen ihm einige Turbulenzen bevor.

Dieser Roman unterscheidet sich meiner Meinung nach leicht von den anderen Werken von Paul Auster, die ich kenne, nicht zu Unrecht bezeichnen manche Kritiker den Inhalt als Seifenoper. Und es stimmt: rein oberflächlich betrachtet könnte die Handlung auch Inhalt einer Daily Soap sein. Allerdings entwirft Auster so skurille Charaktere und beschreibt die Handlung in gewohnt schöner Sprache, dass für mich das Lesen ein reines Vergnügen war. Die Entwicklung von Nathan vom leicht egozentrischen Neurotiker hin zum warmherzigen Familienmenschen entwickelt sich schrittweise und glaubwürdig, der Erzählstil macht Lust auf mehr.

Hingegen finde ich den Klappentext des Verlags weniger gelungen, er beschreibt überwiegend Ereignisse, die sich erst gegen Ende des Romans zutragen, außerdem wird der 11. September 2001, an dem das Buch endet, völlig unnötig besonders erwähnt, denn es handelt sich keineswegs um einen Roman, der sich mit den Ereignissen dieses Tages auseinandersetzt.

Mir hat das Buch viel Freude beim Lesen bereitet, ich würde es ohne Einschränkung weiterempfehlen und habe jetzt schon Lust auf den nächsten Auster.

Jakob Arjouni: Idioten. Fünf Märchen ++++

Cover In fünf Kurzgeschichten trifft eine Person eine Fee, die einen Wunsch erfüllen kann. Jedoch ist es mit den Wünschen nicht so wie im Märchen, denn nicht immer werden sie so erfüllt, wie sich der Wünschende das vorgestellt hat. So kam es durch den Wunsch nach Essen für die dritte Welt zur BSE-Krise, denn das in Europa unerwünschte Fleisch war den Hungernden noch gut genug.

Unsterblichkeit ist nicht möglich
Außerdem sind Wünsche aus den Bereichen Unsterblichkeit, Geld und Liebe ausgeschlossen, wie die Fee erklärt. Der beliebteste Wunsch sei zur Zeit eine Waschmaschine. Ganz besonders Findige wünschen sich natürlich zuerst mehr Wünsche, aber auch das widerspricht den Richtlinien. Die Fee, die mehr wie eine überarbeitete Sachbearbeiterin wirkt als wie eine märchenhaftes Wesen, bedauert immer wieder, dass sie die Regeln nicht gemacht habe, in Sonderfällen muss sie nachfragen, was möglich sei. Erinnert alles sehr an die deutsche Bürokratie! Und so müssen die fünf Protagonisten sich gut überlegen, was sie sich nun eigentlich wünschen. Und das fällt einigen von ihnen überraschend schwer.

Der richtige Wunsch
Manche von ihnen sind schnell entschlossen, andere zögern und denken lange nach, allen ist gemeinsam, dass die Erfüllung des Wunsches keinesfalls ihren Erwartungen entspricht. Aber das wissen sie nicht einmal, denn der Besuch der Fee wird nach der Wunscherfüllung aus dem Gedächtnis gelöscht.

Jakob Arjouni erzählt diese Geschichten in heiterem Ton, aber er lässt den Leser meist nachdenklich und auch etwas ratlos zurück – was würde ich mir wünschen, wenn die Fee mich besuchte, fragt sich vermutlich jeder Leser. Aber noch viel interessanter ist natürlich die Frage, auf welche Weise sich dieser Wunsch dann erfüllen wurde. Würde ich es besser machen als die Figuren im Buch?

Altes Thema – neu aufgelegt
Das Märchen mit der Fee und den Wünschen ist vielleicht ein alter Hut, aber so wie Arjouni hat es noch keiner erzählt. Humorvoll und ohne den moralischen Zeigefinger zu heben, gelingt es ihm dennoch, seine Botschaft zu übermitteln. Aber was ist diese Botschaft überhaupt? Sollen wir lernen, dass Wünsche prinzipiell nicht in Erfüllung gehen? Ich glaube nicht, dass es das ist, was der Autor uns sagen will. Vielmehr meine ich, dass gezeigt wird, dass man darüber nachdenken soll, welche Wünsche man hat, und ob man wirklich eine Fee braucht, damit diese erfüllt werden. Und dass es durchaus einen Gedanken wert ist, darüber nachzudenken, welche Folgen ein Wunsch haben kann.

Dan Brown: Illuminati +++

Cover Der amerikanische Professor der Kunsthistorik und Fachmann für Symbologie Robert Langdon wird eines Nachts von einem Telefonanruf aus dem Schlaf gerissen. Er erfährt, dass in einem Schweizer Forschungslabor die Leiche eines bedeutenden Physikers gefunden wurde. Leonardo Vetra wurde grausam ermordet und auf der Brust mit dem Zeichen der Illuminati gebrandmarkt, einem alten Geheimbund, von dem man eigentlich dachte, er existiere nicht mehr.

Langdon reist nach Genf, um sich vor Ort ein genaueres Bild zu machen. Er erfährt, dass Vetra gemeinsam mit seiner Adoptivtochter Vittoria einen erstaunlichen Durchbruch in der Forschung erreicht hatte: ihnen war es gelungen, Antimaterie herzustellen. Doch der Mörder hat auch die Antimaterie gestohlen, einen Stoff, der mehr Sprengkraft besitzt als alle anderen bekannten Stoffe. Der Behälter, in dem die Antimaterie aufbewahrt wird, kann nur 24 Stunden ohne Strom auskommen, danach wird alles explodieren.

Gemeinsam mit Vittoria macht Langdon sich auf den Weg nach Rom, da anzunehmen ist, dass die Illuminati planen, die katholische Kirche in ihren Grundfesten zu erschüttern. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Es ist mir sehr schwer gefallen, mir eine Meinung zu diesem Buch zu bilden. Inhaltlich halte ich es für sehr zweifelhaft, mit wilden Verschwörungstheorien, unglaubwürdigen Actionszenen und einer ziemlich willkürlichen Mischung von historischen Fakten und dichterischer Freiheit.

Dennoch kann ich nicht abstreiten, dass Dan Brown es meisterhaft versteht, Spannung aufzubauen. Es gab Phasen beim Lesen, in denen ich das Buch wirklich nicht mehr aus der Hand legen konnte, weil ich unbedingt wissen musste, wie es weiter geht. Eine solche Spannung über knapp 700 Seiten aufrecht zu halten ist eine Meisterleistung, auch wenn es am Ende für meinen Geschmack definitiv zu viele dramatische Höhepunkte gab.

Ich denke, wenn man das Buch nicht als Tatsachenroman betrachten, sondern mit etwas Humor eher als Science Fiction liest und nicht jedes Detail hinterfragt, kann man sehr viel Spaß damit haben, aber einer genaueren Prüfung würde die inhaltliche Struktur wohl kaum stand halten.

Jilliane Hoffman: Cupido ++

Cover Chloe ist eine vielversprechende Jurastudentin. Sie lebt in einer schönen Wohnung und hat einen attraktiven Freund, von dem sie sich bald einen Heiratsantrag erhofft. Doch eines Tages erlebt sie einen furchtbaren Alptraum: sie wird nachts in ihrer Wohnung überfallen, mehrfach vergewaltigt und schwer verletzt zurück gelassen. Sie überlebt, aber zurück bleiben nicht nur körperliche Schäden. Denn von da an lebt sie in der Angst, ihr Peiniger könnte zurückkehren.

Jahre später scheint sie die Schrecken aus ihrer Studienzeit hinter sich gelassen zu haben und arbeitet als erfolgreiche Staatsanwältin. Gemeinsam mit der Polizei ermittelt sie im Fall eines Serienmörders, der seine Opfer grausam missbraucht und foltert. Überraschenderweise wird der Täter bei einer Verkehrkontrolle gefasst, in seinem Kofferraum befindet sich noch die Leiche des jüngsten Opfers. Vor Gericht erkennt Chloe in dem Verdächtigen ihren einstigen Vergewaltiger. Obwohl sie weiß, dass sie den Fall eigentlich wegen Befangenheit abgeben sollte, macht sie weiter, denn sie will den Mann unbedingt angeklagt und verurteilt sehen. Auch er erkennt sie, und ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt.

Das Buch ist definitiv nichts für schwache Nerven. Die Folterszenen sind extrem grausam und die Beschreibungen der Leichen nicht gerade appetitlich. Meiner Meinung nach hätte man dabei getrost auf einiger Details verzichten können, aber ich wurde mehrfach vorgewarnt, also sollte ich mich nicht beschweren.

Das ist aber nicht der Grund, weshalb mich dieses Buch nicht überzeugt hat. Denn es fehlte einfach über weite Strecken die Spannung. Ich empfand das Buch als effekthascherisches Gemetzel mit dem Anstrich eines Gerichtsthrillers, der aber über weite Strecken weniger ein Thriller sondern mehr eine dahinplätschernde Geschichte war. Dennoch kann ich nicht abstreiten, dass die Handlung am Ende einige interessante Wendungen machte, so dass ich letztlich doch sehr neugierig darauf war, wie sich alles auflöst.

Ann Granger: Fuchs, du hast die Gans gestohlen +

Cover Meredith Mitchell wird zu ihrem Missfallen aus dem diplomatischen Dienst zurück gezogen und bekommt einen Schreibtischjob in London zugeteilt. Da sie zunächst nicht weiß, wo sie hin soll, nimmt die gerne an, als ihr ein befreundetes Ehepaar ein einsames Cottage in der Nähe des Ortes Bamford zur Miete anbietet. Sie trifft dort kurz vor Weihnachten ein und ist freudig überrascht, als der Polizist Alan Markby wieder Kontakt zu ihr aufnimmt, um sie willkommen zu heißen.

Auch ihre Nachbarin Harriet lernt sie bald kennen. Harriet ist eine junge, temperamentvolle Frau, die immer geradeheraus ihre Meinung sagt. Meredith ist sie sofort sympathisch und die beiden freunden sich ein wenig an. Doch am zweiten Weihnachtsfeiertag kommt Harriet bei der traditionellen Bamforder Jagd ums Leben. Bei der Obduktion stellt sich heraus, dass jemand scheinbar diesen Unfall plante. Doch wer könnte ein Motiv haben? Gemeinsam mit Allan Markby versucht Meredith, mehr über Harriet heraus zu finden.

Nachdem schon der erste Band der Mitchell & Markby-Reihe mich nicht wirklich vom Hocker gerissen hat, hat mich nun der zweite Teil vollkommen enttäuscht. Ann Grangers Erzählweise ist einfach nicht mein Fall. Sie verwendet häufig ungewöhnliche Phrasen, die immer wieder vorkommen und mit der Zeit nervig werden.

Außerdem kommt die Geschichte nur sehr langsam in Gang, es dauert viele Seiten, bis etwas passiert, und die teilweise sehr gestelzten Dialoge wirkten auf mich vollkommen unglaubwürdig. Besonders eintönig wirkte das hin und her in der Beziehung der beiden Hauptfiguren, Alan Markby und Meredith Mitchell. Dass Meredith nicht in der Lage ist, eine tiefere Bindung einzugehen, war schon nach der ersten Erwähnung klar, auch ohne dass es noch zig Mal wiederholt wird. Da hilft es auch nicht, dass der Krimiplot geschickt konstruiert war und sich die Auflösung am Ende zwar überraschend, aber nicht unglaubwürdig darstellte.

Jonathan Franzen: Die Korrekturen ++++

Cover Al und Enid sind schon seit vielen Jahren verheiratet. Da Al seit kurzem an Parkinson leidet und immer mehr in die Fänge dieser Krankheit gerät, wünscht sich Enid ein letztes Weihnachtsfest mit der ganzen Familie in ihrem Haus. Doch ihre drei Kinder Gary, Chip und Denise haben ihre eigenen Probleme und tun sich schwer damit, dem Wunsch ihrer Mutter nachzukommen.

Gary lebt mit seiner Frau Caroline und seinen drei Söhnen in Philadelphia, seine Ehe steht zur Zeit unter keinem guten Stern, denn immer wieder hat er das Gefühl, dass seine Frau sich mit den Söhnen gegen ihn verschwört. Noch dazu befürchtet er, depressiv zu sein, was er jedoch keinesfalls zugeben möchte.

Chips Leben liegt zur Zeit in Trümmern, seine Freundin hat ihn gerade verlassen und nach einer Affäre mit einer Studentin ist er auch seinen Job als Universitätsdozent los. Und so versucht er, sich als Drehbuchschreiber zu verdingen, allerdings bisher mit wenig Erfolg. So kommt es, dass ihn ein zweifelhaftes Jobangebot nach Litauen lockt.

Unterdessen ist Denise nach einer gescheiterten Ehe ebenfalls in Nöten. Obwohl sie zunächst ein äußerst gutgehendes, exklusives Restaurant leitete, haben auch sie private Fehlschläge eingeholt, die sie ihren Eltern keinesfalls eingestehen will.

Zunächst wusste ich nicht so richtig, was ich von dem Buch halten soll, es war auf jeden Fall recht ungewöhnlich. Es begann mit mehreren Sätzen im Telegrammstiel, die mich sehr irritierten, so etwas lese ich gar nicht gerne. Zum Glück war das schnell vorbei. Die Beschreibung des alten Ehepaares fand ich zum Teil bedrückend, zum Teil fast schon amüsant. Franzen wählt ungewöhnliche Vergleiche, was das ganze aber interessant macht.

Zahlreiche Gedankensprünge machen es nicht immer leicht, der Handlung zu folgen, auch sonst lässt sich die Geschichte anfangs nicht gerade flüssig lesen. Dennoch ist es spannend, was nicht zuletzt an der ausgefeilten Charakterisierung der Personen liegt. Dadurch, dass der Leser die verschiedenen Perspektiven kennt, werden die Handlungen nachvollziehbar, jedoch ist genauso offensichtlich, warum manches von den anderen falsch interpretiert oder anders wahrgenommen wird.

Interessanterweise blieben mir bis auf Denise alle Charaktere unsympathisch, was das Lesevergnügen aber keineswegs beeinträchtigte. Im Gegenteil sogar, Franzen hat die ganz persönlichen Abgründe der einzelnen Figuren so realistisch und eindrucksvoll nachgezeichnet, dass man sie zwar nicht schätzen lernt, aber manchmal doch zumindest versteht.

Das Hauptproblem in der Familie liegt in der mangelnden Kommunikationsfähigkeit und in der Neigung, die Schuld für eigene Probleme bei anderen zu suchen. In erster Linie ist es deprimierend zu lesen, wie Al immer mehr seiner Krankheit verfällt, wie die übrigen Familienmitglieder nicht damit zurecht kommen und wie jede Unterhaltung fast zwangsläufig in die falsche Richtung verläuft. Dennoch ist es dem Autor gelungen, die tragische Situation nicht schwermütig darzustellen, sondern fast beiläufig als gegebene Tatsache zu präsentieren.

Warum dieses Buch im letzten Jahr als eines der besten gefeiert wurde, kann ich nun in Ansätzen verstehen, denn auch ich fand es nach den anfänglichen Schwierigkeiten äußerst interessant und geschickt angelegt. Der Stil Franzens ist zweifelsohne sehr gewöhnungsbedürftig und vermutlich nicht jedermanns Sache. Auch wenn ich der Meinung bin, dass die Begeisterung über dieses Buch vielleicht ein wenig übertrieben war, kann ich es guten Gewissens weiter empfehlen.

Andrej Kurkow: Pinguine frieren nicht +++

Cover Nach seiner Flucht vor der Mafia hält sich Viktor in der Antarktis versteckt. Doch er fühlt sich nicht wohl und hat Heimweh nach seinem Pinguin Mischa. Also kehrt er nach Moskau zurück.

Doch dort hat sich einiges verändert. In seiner Wohnung bei seiner Geliebten lebt ein neuer Mann und Mischa ist nicht mehr in der Tierklinik, in die Viktor ihn gebracht hatte. Also macht sich Viktor auf die Suche. Und die führt ihn schon bald wieder in zwielichtige Kreise. Er findet zwar eine heiße Spur, doch er kommt dabei selbst in Gefahr. Und so kommt es, dass er zum Angestellten eines Mafiabosses wird, und die Suche vorerst zurück stellen muss. Doch das ist noch nicht das Ende seiner Geschichte.

Wie sehr hatte ich mich auf das Wiedersehen mit Pinguin Mischa gefreut! Doch leider erfüllten sich meine Erwartungen nicht ganz. Und wo Kurkow mich in seinen bisherigen Büchern durch seinen schwarzen Humor begeistern konnte, wirkte er in diesem Fall nur noch düster auf mich. Sicherlich beeindruckt Viktor wieder durch seine einfachen und doch genialen Ideen, aber manchmal werden die anderen Personen doch etwas zu übertrieben naiv dargestellt.
Kurkow zeichnet erneut ein bedrückendes Bild des heutigen Russlands, am Ende bleibt der Leser ratlos und nachdenklich zurück.