Lisa Lutz: Spy Girls +++

Isabel Spellman ermittelt wieder. Seit dem ersten Band „Little Miss Undercover“ sind etwa 1,5 Jahre vergangen. Und Isabel steckt gerade gewaltig in der Klemme, sie wurde zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit festgenommen, eigentlich sogar zum vierten Mal, aber Festnahme zwei und drei zählten nicht. Und damit steht ihre Lizenz als Privatdetektivin auf dem Spiel. Ausgelöst hat die Misere der rätselhafte Nachbar John Brown. Denn Isabel ist überzeugt, dass der unter falscher Identität lebt und mindestens eine Leiche im Keller hat. Darüber hinaus scheint auch noch jedes Mitglied der Familie Spellman ein Geheimnis zu haben, denn alle verhalten sich äußerst ungewöhnlich. Für Isabel gibt es also jede Menge nachzuforschen.

Im Vergleich zum Vorgänger ist die Spritzigkeit ist ein wenig verloren gegangen – einige Witze sind etwas abgenutzt. Fußnoten, wie man sie beispielsweise auch von Jasper Fforde kennt, sind maßvoll eingesetzt lustig, hier aber eindeutig zu viel des Guten. Dennoch ist die Geschichte unterhaltsam und witzig, auch wenn das Ende nicht allzuviel Pfiff hat und etwas bieder wirkt.

Henning Mankell: Der Feind im Schatten +

Dieser Mankell und ich haben wirklich schwer zueinander gefunden, um nicht zu sagen “gar nicht”. Ich weiß gar nicht, wann sich die Lektüre eines Krimis zuletzt so hingezogen hat, erst bei den letzten 100 Seiten war ich an einem Punkt angekommen, wo es mir gelegentlich schwer fiel, das Buch aus der Hand zu legen.

Zunächst war ich erst einmal überrascht: irgendwie hatte ich im Hinterkopf, dass mit “Vor dem Frost” die Ära Kurt Wallander beendet ist. Dieses Buch nun steckte ich in der Bibliothek ein, ohne den Klappentext allzu genau zu lesen und stellte dann erstaunt fest, dass Kurt doch noch einmal die Hauptperson ist, Linda hingegen taucht nur in einer Nebenrolle auf. Nach der Lektüre bin ich nun überzeugt, dass es keine gute Idee war, den alten Herrn nochmal in den Mittelpunkt zu stellen.

Die Geschichte beginnt damit, dass Linda ein Kind bekommt. Ihr Lebensgefährte Hans stammt aus einer Adelsfamilie, sein Vater Hakon von Enke ist ein verdienstvoller Korvettenkapitän in Rente. Zu dessen 75. Geburtstag begleitet Kurt die kleine Familie und wird von Hakon ins Vertrauen gezogen. Ihn beschäftigt ein Vorfall aus den 80ern, zur Blütezeit des kalten Krieges. Damals wurde ein russisches U-Boot von der schwedischen Marine in schwedischen Gewässern gestellt und in die Enge getrieben, doch bevor es zum Auftauchen gezwungen werden konnte, wurde ein Befehl zum Abzug gegeben. Bis heute lässt dieser Vorfall Hakan keine Ruhe, für ihn war dieses Verhalten Landesverrat. Er hat ausgiebig recherchiert, doch er ist nur auf zahlreiche Spionagegerüchte gestoßen, ohne herauszufinden, wer für den Befehl verantwortlich war.

Wenig später verschwindet Hakan spurlos. Und Kurt Wallander wird von seiner Tochter und von Hans darum gebeten, Spuren zu suchen. Wallander findet einiges über die Familie und Hakans Arbeit heraus, kann aber keinen entscheidenden Durchbruch erzielen. Dann verschwindet auch Louise, Hakans Ehefrau. Und Wallander muss alle Puzzleteile neu zusammensetzen.

Was mich bei diesem Buch am meisten gestört hat, war der verschwurbelte Stil. Mankell war sicherlich noch nie ein literarischer Virtuose, aber bislang fand ich seine Krimis doch immer recht lesbar. Dieses Mal musste ich einige Sätze von vorne beginnen, weil ich vor lauter Einschüben am Ende vergessen hatte, worum es eigentlich ging. Das kann natürlich auch an der Übersetzung liegen.

Dann passiert in diesem Buch verdammt wenig, und wenn etwas passiert, dann ist es meist unnötige Rahmenhandlung (die Episode mit einer Anhalterin beispielsweise). Wallander geht viel spazieren, fährt viele Kilometer Auto, hadert mit dem Alter und denkt nach. Und das über knapp 600 Seiten. Am Ende ist alles anders als gedacht (wenn ich es auch nicht wirklich überraschend fand) und es bleiben jede Menge Fragen offen. Dafür wird angekündigt, dass Wallander nun definitiv nicht mehr ermittlen wird. Ich bitte darum, dass es dabei bleibt!

Neuanschaffungen

Neu eingetroffen bei mir sind

    • Hab ich selbst gemacht: 365 Tag, 2 Hände, 66 Projekte von Susanne Klingner. Eine Dokumentation einer Journalistin, die sich für ein Jahr lang vornahm, möglichst alles selbst zu machen und nichts zu kaufen. Da ich eine Handarbeitsniete bin, es aber total faszinierend finde, was andere alles zuwege bringen, bin ich schon sehr neugierig darauf. So sehr, dass ich gleich nach dem Auspacken schon ein paar Seiten quergelesen habe. Dieses Buch wird mir Spaß machen, da bin ich mir sicher.
    • Die Spy Girls: Eine schrecklich schräge Familie Der zweite Teil um, die Familie Spellman, “Little Miss Undercover” habe ich schon vor einiger Zeit gelesen. Das sorgte damals für kurzweilige Unterhaltung, erinnerter mich ein wenig an die Plum-Reihe von Janet Evanovich. Sicherlich eine lockere Sommerlektüre.

Alles anders

Als ich im Mai 2002 das buchlog auf der Bücherwurmseite startete, war bloggen noch lange nicht so “en vogue” wie heute. Die Szene der literarischen Blogs war sehr überschaubar, man kannte sich vom Lesen. Nun habe ich lange pausiert und musste in den letzten Tagen erstaunt feststellen, wie sehr sich alles verändert hat. Kaum noch jemand von den “alten” Bloggern ist aktiv, die meisten Seiten, die ich kannte, existieren einfach nicht mehr. Dafür gibt es eine Unmenge an neuen, tollen, interessanten Bücherblogs, die ich im Moment nach und nach kennen lerne. Es wird sicherlich noch ein wenig dauern, bis ich für mich sortiert habe, wo ich überall mitlesen möchte.

Liza Marklund: Lebenslänglich ++

Die Journalistin Annika Bengtzon steckt gewaltig in der Krise: ihr Mann Thomas hat sie verlassen und lebt nun bei seiner Geliebten, ihr Haus ist abgebrannt und zu allem Überfluss verdächtigt man sie auch noch der Brandstiftung. Privat läuft es also alles andere als rund. Und das wird in diesem Krimi ebenso ausführlich ausgebreitet wie der Kriminalfall. Natürlich ist es schön, wenn die Charaktere ausgearbeitet werden und nicht in eine 08-15-Schablone passen, dennoch bekomme ich Annika nicht wirklich zu fassen. Ich habe beim Lesen kein Bild von ihr vor Augen und sie weckt keinerlei Emotionen.

Der Kriminalfall macht da schon mehr her: der allseits beliebte Polizist David Lindholm liegt erschossen in seinem Schlafzimmer, Haupttatverdächtige ist seine Ehefrau Julia, die verwirrt im Badezimmer aufgefunden wird. Der gemeinsame Sohn ist verschwunden. Julia wird angeklagt, Mann und Sohn ermordert zu haben, ihr droht lebenslange Haft. Annika kennt Julia von einer früheren Reportage und stürzt sich in die Arbeit. Sie hält es für möglich, dass Julia unschuldig ist, auch wenn die Beweislage erdrückend ist.

Die Story ist interessant konstruiert. Der Polizist ist nach außen ein toller Kerl und Held, doch hinter der Fassade tun sich Abgründe auf. Leider wird der Aufbau immer wieder durch das überfrachtete Beiwerk unterbrochen, das schon erwähnte turbulente Privatleben Annikas, Krise in der Zeitungsbranche, politische Ränkespiele. Besonders ärgerlich fand ich die ständigen Wechsel der Perspektive, so ziemlich jede Figur, die vorkommt, steht irgendwann mal im Mittelpunkt. Dadurch werden soviele Details geliefert, dass man den eigentlichen Handlungsstrang fast aus den Augen verliert. Ist vielleicht auch besser so, dann fällt nicht so ins Gewicht, dass doch arg viele Zufälle zusammenspielen, außerdem bleibt am Ende einiges im Dunkeln. Das wird dann im Folgeband “Kalter Süden” teilweise aufgelöst, glaube ich zumindest. Denn auch wenn ich den Nachfolger schon lange vorher gelesen hatte, war er nicht so einprägsam, dass ich mich noch an Details erinnern könnte. Ich fürchte, Annika Bengtzon und ich werden keine enge Freunde mehr.

 

Daniel Glattauer: Theo. Antworten aus dem Kinderzimmer +++

Es beginnt sehr unterhaltsam: Daniel Glattauer hat beschlossen, den Lebensweg seines Neffens Theo von Geburt an zu dokumentieren. Dass Glattauer humorvoll berichten kann, hat er längst schon bewiesen. Und auch “Theo” ist äußerst kurzweilig, was vor allem an der lockeren Sprache liegt. Jeder, der Kinder hat, wird die eine oder andere Situation wiedererkennen, und mit ein wenig Abstand kann man kräftig darüber lachen.

Dennoch ist dies kein Buch, das sich einfach so weglesen lässt, denn die Phrasen wiederholen sich, was sicherlich auch der zeitlichen Entstehung ein Stück weit geschuldet ist. Und beim dritten Mal in Folge verliert ein lustiger Ausdruck seinen Witz. Wenn man dem Buch aber Zeit gibt, und mit ein wenig zeitlichem Abstand immer mal wieder ein Kapitel liest, dann ist kurzweilige Unterhaltung garantiert.

Daniel Suarez: Daemon. Die Welt ist nur Spiel ++


Totaler Mist! Stumpfes Gemetzel! Kann man trotzdem nicht aus der Hand legen! Zu diesem Buch habe ich äußerst zwiespältige Gefühle. Suarez entwickelt ohne Zweifel eine temporeiche, spannende Geschichte: der steinreiche Spielentwickler Matthew Sobol stirbt und hat sich für sein Ableben ein perfides Szenario gebaut – computergesteuert tötet er und baut langsam ein Netzwerk auf, das Leben verändern kann. Er rekrutiert Online-Gamer, die mit technischem Gerät ausgestattet werden, so dass sie sich in der Realität wie in einem Computerspiel bewegen können. Und alles wird von der von Sobol entwickelten künstlichen Intelligenz, dem Daemon, gesteuert. Schon bald stellt sich die Frage, wer eigentlich die Welt kontrolliert?

Polizist Pete Sebeck versucht, Sobol aufzuhalten. Unterstützt wird er dabei vom Computerspezialisten John Ross, der die Spiele von Sobol wie seine Westentasche kennt. Er ahnt als einziger, welche Auswirkungen die Machenschaften des Daemons haben könnten.

Die Idee hinter der Story finde ich genial. Und sie ist gar nicht so weit hergeholt. Head-up-Displays gibt es bereits, Online-Rollenspiele boomen, und dass Computerkriminalität eine Wachstumsbranche ist, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Und da Suarez beim Erzählen ordentlich Gas gibt, fällt es schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Das ist der Hauptgrund dafür, dass diese Rezension kein totaler Verriss geworden ist und es noch zwei ++ als Bewertung gibt. Denn ich war erst wieder für andere Dinge ansprechbar, als ich die Lektüre beendet hatte.

Jetzt kommt das große ABER. Suarez Stil ist äußerst gewöhnungsbedürftig, ebenso wie die deutsche Übersetzung. Es wimmelt nur so von Fachbegriffen und Game-Slang. Echte Nerds (wenn Ihnen dieser Begriff nicht geläufig ist, dann werden Sie mit dem Buch wahrscheinlich nichts anfangen können) werden Ihren Spaß daran haben, für alle anderen erschwert es den Zugang ungemein. Zumal bei der Übersetzung teilweise holprig eingedeutscht wurde. Auch die Vielzahl der Charaktere sorgte bei mir mitunter für Verwirrung. Zumal bei allen nur an der Oberfläche gekrazt wurde. Am schlimmsten fand ich aber das letzte Drittel. Die Handlung artet in ein blutiges Gemetzel aus, um am Ende alle Fragen offen zu lassen. Hier wurde schon ganz gezielt auf die Fortsetzung gesetzt.

Auch nach dem Schreiben dieser Zeilen fällt es mir immernoch schwer, mein Fazit zu diesem Buch zu ziehen. Möge der geneigte Leser selbst entscheiden, was er davon hält.

Tana French: Sterbenskalt +++++

Frank Mackey ist vor 22 Jahren von zu Hause abgehauen. Eigentlich hatte er vor, mit seiner Freundin Rosie zusammen nach England zu gehen, aber sie hat ihn versetzt und mit einem unpersönlichen Abschiedsbrief abgespeist. So ist er statt nach England zu gehen in Irland geblieben und Undercover-Ermittler geworden. Mit seiner Familie aus dem Arme-Leute-Viertel wollte er eigentlich nichts mehr zu tun haben, lediglich zu seiner jüngsten Schwester hält er losen Kontakt.

Dann erreicht ihn ein Anruf, der sein Leben aus der Bahn wirft: in seiner alten Straße wurde Rosies Reisekoffer gefunden. Wenig später findet man auch eine Leiche, und vieles deutet darauf hin, dass es sich um Rosie handelt. Frank muss nach Hause zurück kehren und sich mit seiner Familie, seiner Jugend und seinen Lebenszielen auseinandersetzen, um den Fall aufzuklären. Denn das will er auf jeden Fall.

Schon lange hat mich ein Krimi nicht mehr so nachdenklich zurückgelassen. Tana French gelingt es, das Millieu, aus dem Frank kommt, sehr eindrücklich darzustellen, die Charaktere sind vielschichtig und wenn auch überwiegend unsympathisch, so doch menschlich gezeichnet. Die Krimihandlung ist spannend, manchmal ein wenig langatmig und am Ende nicht mehr unbedingt überraschend. Aber wie die Hauptfigur Frank damit umgeht, das ist meisterhaft geschildert. Zuletzt hätte ich fast vergessen, dass es Fiktion ist, so sehr haben mich die familiären Abgründe der Familie Mackey beschäftigt.

Neuanfang

Lange ist es her, dass die Bücherwurmseite ernsthaft aktualisiert wurde. Wirklich was gemacht habe ich zuletzt 2004. Genauso lange schlummert mit Literaturkompass schon ein neues Projekt, aber es ist nie fertig geworden. Zu viele Ideen, zu viel gewollt, zu wenig Zeit. Aber ich vermisse es, über Bücher zu schreiben. Deshalb jetzt ein Neuanfang im Kleinen: nur ein Blog.